Tu mal lieber die Möhrchen – Musik und Drogen

Musikerhandbuch: Drogen

Zum Thema Drogen gibt es eigentlich nur eins zu sagen: Musik machen und Drogen nehmen vertragen sich. NICHT! Das glaubt natürlich niemand und es gibt ja auch ganz viele Mythen und Legenden über Musiker, die sich mit Hilfe von Drogen zu genialen kreativen Höchstleistungen stimuliert haben. Aber ich frage mich dabei immer, wie viel besser das Ergebnis geworden wäre, wenn die Musiker keine Drogen genommen hätten und mit einem klaren Kopf weiter an ihren Werken gefeilt hätten, statt einen frühen Drogentod zu sterben. Schau Dir mal ganz genau die Drogengeschichten der Musiker an. Gibt es da wirklich auch nur einen Musiker, der von sich behauptet „Drogen sind das geilste von der Welt, ich nehme Unmengen davon, sie schaden mir keineswegs und nur mit Hilfe der Drogen kann ich überhaupt nur meine Musik machen.“ Oder ist es nicht vielmehr so, dass diese Musiker Drogen nehmen, weil sie ein Defizit ausgleichen wollen, den Erfolgsdruck, die Angst keine Ideen mehr zu haben, lockerer zu werden, das Gefühl der kreativen Einsamkeit zu ertränken, die empfindliche Künstlerseele irgendwie in Balsam zu hüllen, um dann TROTZ der Drogen noch Musik zu machen. Die meisten Musiker sind sensible Menschen, die Musik machen um etwas zu verarbeiten. Drogen helfen aber nicht dabei, etwas zu verarbeiten. Drogen betäuben und helfen dabei die Probleme zu verdrängen, nicht sie zu lösen. Musiker nehmen Drogen, weil es sich gut anfühlt, weil es einfach ist und weil sie es können. Die Musik wird dadurch aber nicht besser sondern schlechter.

Ich habe mal in einer Band gespielt, wo zwei von vier Musikern ständig bei den Proben gekifft haben. Und ich gebe zu, irgendwann habe ich dann auch regelmäßig mitgekifft. Wir haben dann endlos lange gejammt und das mit einem Raummikro auf einen Cassettenrekorder aufgenommen. Vor jeder Probe haben wir uns die Cassette von der letzten Probe angehört, dabei gekifft und dann wieder gejammt. Nach einem halben Jahr hatten wir dreissig Cassetten voll – aber kein einziges fertiges Stück, das wir live hätten spielen können. Irgendwann habe ich die Cassetten mir mal in nüchternem Zustand zu Hause angehört und war entsetzt. Das, was ich im bekifften Zustand als total abgedreht und abgespaced empfunden hatte, war ein endloses, langweiliges, selbstverliebtes Rumgedudel. Danach habe ich nie wieder bei einer Probe gekifft. Und sieh da: ein halbes Jahr später hatten wir dann endlich ein Bühnenprogramm. Das einzig blöde war, dass mich die anderen zwei Musikern immer vor jedem Stück kurz gefragt hatten, wie denn der Anfang und das Ende gleich noch mal ging.

Nun gibt es aber natürlich auch ganz viele Genres, die eng mit bestimmten Drogenerfahrungen verknüpft sind. Stoner Rock und Reggae spielen mit dem verzerrten Zeitempfinden das sich bei Canabis Konsum einstellt. Psychedelic Rock baut auf Erlebnissen mit halluzinogenen Drogen auf. Und manche Technoparty hätte sich ohne die empathenogene Wirkung von MDMA nicht zu einem legendären Tanzmarathon entwickelt. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Drogenerlebnisse finden ihren Niederschlag in der Musik. Das Musikerlebnis lässt sich durch Drogen steigern. Aber eben nur das Erlebnis. Und das ist der springende Punkt. Die eigene Musik klingt unter dem Einfluss von Drogen ganz toll und fühlt sich gut an. Das war es dann aber auch. Sie fühlt sich zwar gut an, ist aber in den allermeisten Fällen nicht halb so genial, wie sie Dir mit Deinem drogenumnebelten, kritikunfähigem Kopf erscheinen mag. Zumindest nicht so gut, wie sie sein könnte, wenn Du sie in nüchternem Zustand auf den Punkt bringst.

Es ist leider, wie in jedem kreativen Beruf: Musikmachen besteht zu zwanzig Prozent aus Inspiration und zu achtzig Prozent aus Transpiration. Für die Inspiration mögen Drogenerfahrungen ja ganz nett sein. Um daraus aber wirklich etwas Bedeutendes zu machen, stehen Dir Drogen eher im Weg. Klar, Musik will etwas transportieren, Gefühle oder Erfahrungen ausdrücken. Warum nicht auch Drogenerfahrungen? Aber musst Du wirklich erst zum Alkoholiker werden, um eine rauchige Bluesstimme zu bekommen? Musst Du Dir Dein Hirn durch übermäßigen Canabis Konsum in jungen Jahren dauerhaft schädigen, um gut Bass in eine Reggae Band zu spielen? Musst Du mit Hilfe snythethischer Drogen drei Tage wach bleiben um an einem Technotrack zu basteln?

Mach Deine Drogenerfahrungen, wenn es unbedingt sein muss. Aber wenn Du die Erfahrungen in Deiner Musik umsetzen willst, dann lass die Finger von den Drogen. Das fühlt sich dann vielleicht nicht so geil an, und Du wirst eine Weile brauchen um ohne Drogen der Kreativität freien Lauf zu lassen. Aber wenn Du den Bogen einmal raus hast, dann wirst Du durch wesentlich bessere und vor allem auch befriedigendere Ergebnisse belohnt. Nichts ist schöner, als ohne Drogen ganz in die Musik abzutauchen und die Welt um sich herum zu vergessen. Du kannst ein Stoner Rock Riff auch eine halbe Stunde lang spielen ohne bekifft zu sein. Probier es mal aus. Du wirst überrascht sein, in was für einen Zustand Du dabei ganz ohne Drogen gerätst. Du glaubst vielleicht, dass Drogen ein unverzichtbarer Türöffner sind. Aber den Schlüssel zu dieser Tür trägst Du längst in Dir. Und um ihn zu benutzen brauchst Du wirklich nur Dich und etwas Übung. Aber auf keinen Fall Drogen.

2 Meinungen dazu

Moritz »mo.« Sauer,
05.08.2014, 09:54 Uhr

Gefällt mir sehr gut. Früher – als ich noch Musik gemacht habe – habe ich nie Drogen genommen. Das wunderbare beim Musikmachen ist dieser Zen-Zustand. Der Moment, ab welchem Du nur noch der Intuition folgst, weil Du nicht mehr in Anleitungen zum Synthesizer suchen musst, und einfach nur machst. Und dann sind schwups! fünf Stunden vergangen.

Die Arbeit hat man vorher: Musikinstrumente und besser auch ein wenig Theorie lernen. Und die Arbeit hat man nachher: Wenn man die Stücke dann ausarrangiert. Mittendrin muss man locker sein. Und dafür brauchen – wie Du richtig sagst – die Meisten wohl Drogen.

In dem Zusammenhang finde ich immer wieder den Schriftsteller Haruki Murakami großartig. Der nimmt sicherlich NULL Drogen, schreibt die surrealsten Geschichten und hat mal in einem Vortrag erzählt, dass er versucht während des Schreibvorgangs ins Unterbewusstsein zu kippen.

Eins muss ich Drogen aber lassen: Sie zünden einfach zwischen den Synapsen und provozieren ein Gewitter mit Verbindungen auf die man vielleicht so nicht gekommen wäre, im nüchternen Zustand. Aber dazu müssten wir mal wirklich die Genies fragen 😉

FC Stoffel,
06.08.2014, 22:21 Uhr

Und als kleiner Nachtrag hier ein schöner Artikel über Lee Scratch Perry, der an einem gewissen Punkt in seiner Karriere herausfinden wollte „[if] it was the smoke making the music or Lee Perry making the music. I found out it was me and that I don’t need to smoke.“

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