Die Gretchenfrage: Bist Du bereit für besseres Equipment?

Musikerhandbuch: Das richtige Equipment 2

Es gibt wohl nichts ekelhafteres als Kinder reicher Eltern, die, kaum dass sie zaghaft den Wunsch nach einem Instrument geäußert haben, von ihren Eltern das beste und teuerste Equipment mit allem Drum und Dran in den Allerwertesten geschoben bekommen. Oder Familienväter in ihrer Midlifecrisis, die noch mal so richtig den Feierabend-Rock’N’Roller raushängen lassen wollen und sich Verstärkertürme im Wert einer Nobelvilla-Monatsmiete gönnen. Oder Blogger, die, nachdem sie sieben Jahre Techno gemacht haben, nun wieder zu ihren Metalwurzeln zurückkehren und mit dem Gedanken spielen, sich einen neuen Gitarrenverstärker zuzulegen, der mal eben doppelt so teuer ist wie der Gebrauchtwagen, den sie seit Jahren fahren.

Und die Frage, die sich keiner stellt, lautet: Was bringt das? Und die Antwort, die niemand gibt, lautet natürlich: Nix. Deswegen haben ich mich auch schweren Herzens entschieden, erst mal 10 Konzerte zu spielen und dann noch mal zu überlegen, ob ich wirklich einen neuen Gitarrenverstärker zur Freilegung meiner Metalwurzeln brauche.

Aber natürlich kommt jeder Musiker und jede Musikerin irgendwann an einen Punkt, in dem es mit dem alten Equipment einfach nicht mehr geht. Dann will aber der nächste Schritt sehr gut überlegt sein. Denn allzu leicht vermischen sich Traum und Wirklichkeit, Hoffnung und harte Realität. Also will ich mal versuchen, ein paar Entscheidungshilfen bei der Wahl des richtigen Equipments zu geben.

Wer gerade erst anfängt Musik zu machen, sollte sich ein gehobenes Einsteigerinstrument zulegen. Also nicht das Billigste, aber eben ein Instrument im unteren Preissegment für Einsteiger. Bei der Auswahl solltest Du Dich unbedingt von einem erfahrenen Musiker oder Deinem Lehrer beraten lassen. Das Instrument sollte sich gut spielen lassen, es muss aber nicht unbedingt schon hammermäßig endgeil klingen. Wichtig ist, dass das Instrument Dich nicht behindert. Falls Du elektronische Musik machen möchtest, reicht ein gebrauchter Laptop und der muss auch nicht von Apple sein. Die meisten aktuellen Musikprogramme laufen völlig problemlos auch auf zwei bis vier Jahre alten Rechnern. Unter Umständen wirst Du dann nicht 64 Spuren mit 128 Plugins gleichzeitig laufen lassen können, aber das brauchst Du auch gar nicht.

Dann, nach ein paar Jahren (bei manchen auch Monaten), stellt sich dann die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit der Musik? Und da gilt es sich selber kritisch zu hinterfragen und ehrlich zu antworten, auch wenn das ganz schön weh tut. Beantworte Dir folgende Fragen: Verfolgst Du mit Deiner Musik ein Ziel, einen Traum? Bist Du diesem Ziel in der Vergangenheit näher gekommen? Hast Du etwas dafür getan? Hast Du Dich entwickelt? Gibt es Erfolgserlebnisse, oder Ergebnisse? Haben andere Menschen Deine Musik gehört? Bist Du aufgetreten? Spielst Du in einer Band, oder hast Du Anschluss zu anderen elektronische Musiker gefunden? Hast Du etwas produziert, das mehr als eine lose Ideensammlung war?

Wenn Du die Mehrzahl dieser Fragen mit einem lauten und bestimmten Ja beantworten kannst, dann ist es Zeit für den nächsten Schritt, sprich neues Equipment. Wenn Du Dich lieber nur mit Deinen Freunden im Proberaum triffst um zu kiffen und zu jammen, oder lieber ständig neue Plugins ausprobierst statt einen Track zu Ende zu machen, ist das auch okay. Du solltest Dich nur fragen, welchen Rolle die Musik in Deinem Leben bisher gespielt hat, und ob sie dies auch in Zukunft tun wird, oder ob das jetzt einfach mal nur so eine Phase ist.

Wenn Du ein Instrument spielst und Du Dir sicher bist, dass Dich Musik Dein Leben lang begleiten wird, dann kaufe Dir ein richtig gutes Instrument. Dabei solltest Du darauf achten, dass Du Dir ein „Arbeitstier“ zu legst. Also kein überteuerstes Sammlerstück in limitierter Kleinstauflage, kein mit überflüssigem Schnickschnack auf Edel getrimmtes Custom Model, sondern ein Instrument, dass von vielen Profimusikern gespielt wird und als zuverlässig und in vielen Situation gut klingend bekannt ist. Ein gutes Instrument ist eine Investition, die sich bis ins hohe Alter lohnt. Das wird Dir auch als Rentner noch viel Freude bereiten.

Wenn Du Schlagzeug spielst, kannst Du Dein Set nach und nach aufstocken. Eine gute Bassdrum, Snare und Hihat können den Anfang machen. Dann vielleicht Becken, und am Ende neue Toms (oder umgekehrt).

Wenn Du elektronische Musik machst, dann kauf Dir endlich das Programm, das Du wahrscheinlich als Raubkopie seit Jahren benutzt. Kaufe Dir eine gute Soundkarte, wobei Du genau überlegen solltest, wie viele Kanäle Du brauchst. Vier Kanäle dürfen es schon sein, ob Du unbedingt acht Kanäle brauchst, hängt ganz extrem davon ab, was Du vor hast. Es reichen aber mitunter auch zwei Kanäle. Dazu aber später mehr. Einen neuen Laptop brauchst Du nicht, maximal ein gebrauchtes Modell, das den Anforderungen Deiner Software voll und ganz entspricht und nicht ständig abstürzt.

Alles was Du in dieser Phase brauchst, ist ein Instrument das richtig gut klingt und sich richtig gut spielen lässt. Mehr nicht.

Du brauchst immer noch keine Verstärkerwand, keine analogen Modularsynthesizer, teuere Studiotechnik oder das neuste Modell von Apple. Das brauchst Du alles erst, wenn Du anfängst, mit Deiner Musik kleine Erfolge zu haben. Wenn Du zweimal im Jahr mit Deiner Rockband im Jugendzentrum spielst, reicht ein Kofferverstärker. Wenn Du hin und wieder auf kleineren Partys von Freunden Deine Technotracks spielst, reichen Deine Hifiboxen zu Hause um Deinen Sound zu mischen. Erst wenn die Bühnen größer und die Soundanlagen besser werden, solltest Du weiter aufrüsten. Dem Publikum ist der Sound in den allermeisten Fällen relativ egal, es sei denn, er ist wirklich absolut schlecht. Das wird er aber nicht sein, denn Du hast ja ein gut klingendes Instrument, oder eine gute Soundkarte. Und meist ist vor Ort ein Mensch, der in den allermeisten Fällen den Sound immerhin so hinbiegt, dass es schon irgendwie okay ist.

Sound ist nicht Dein Problem, sondern gute Musik zu machen, die Dein Publikum begeistert.

Insofern ist also mein Rat, das Equipment mitwachsen zu lassen. Am einfachsten geht das, wenn Du die Gagen, die Du hoffentlich bekommst, sparst und dann in neues Equipment investierst. Am Anfang wird das nicht viel sein, aber dann brauchst Du eben auch kein Highend Equipment. Du wächst mit den Auftritten, und es spricht nichts dagegen, wenn Dein Equipment das auch tut. Das fühlt sich jedenfalls besser an, als alles in den Hintern geschoben zu bekommen, und sieht auch nicht so komisch aus.

1 Meinung dazu

Rainer,
31.08.2014, 12:19 Uhr

Großartig, Stoffel!

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