Der Kaiser ist nackt

Sprachprobleme der Modernen Kunst #1

Gerade erreicht mich eine Ankündigung für eine Aktion, oder eine Performance, oder eine Installation, oder was auch immer, auf jeden Fall ein Stück moderner Kunst. Ich lese:

In der Wechselwirkung von Sound, Installation, beweglichen und eher statischen skulpturalen Setzungen, ihren Transformationen, Verschiebungen und deren Abbrüchen wird das thematische Feld des Kritischen dialektisch umspielt: Rasterung und ihre Durchkreuzung, heikle Konstrunktionen und ihre
(Dys-)Funktionalitäten, Blockaden, Beschränkungen und prothetische Erweiterungen, Aufbau von Assoziationen und ihr Kollaps, Erwartungen und Enttäuschungen.

Versteht irgend jemand, was damit gemeint ist und was da passieren wird? Ich würde so gerne einfach mal eine Ankündigung von solchen Veranstaltungen lesen, wo einfach steht, was passiert. Vielleicht so etwas:

In der Halle stehen einige großformatige Skulpturen. Aus vier im Raum verteilten Lautsprechern tönen elektronische Klänge. Drei Personen bewegen sich im Raum und versuchen aus dem Ganzen schlau zu werden. Einer Person gelingt es, sagt es aber nicht. Die zweite Person wendet sich schreiend ab und verlässt den Raum. Die dritte Person tritt in einen zwanzig Minütigen Hungerstreik. Die Performance endet, sobald das Publikum anfängt zu klatschen.

Das wäre zwar in der Beschreibung profan, aber zumindest müsste sich niemand einen Knoten ins Hirn machen, um festzustellen, dass der Kaiser nackt ist.

1 Meinung dazu

Michael,
10.01.2020, 09:06 Uhr

Naja, das ist halt nicht so einfach mit der Kunst. Es fällt erstaunlich vielen Künstlern schwer, ihre eigenen Werke in Worte zu fassen. Sonst wären sie ja vielleicht auch Schriftsteller geworden. Selbes trifft übrigens auch (wenn ich mich an so einige Spex-Artikel erinnere) auf Musiker zu.
Das traurige an dem Text oben ist, dass er nach Marketing-Gesetzen funktioniert. Das bedeutet er ist multi-optional, um eine möglichst breite Projektsfläche zu bieten: Das Auto ist sportlich und für die Familie; das Duschzeug wirkt aktivierend und entspannend; das Bonbon süß und gesund. Eine magische Welt sich miteinander versöhnender Widersprüche. Jedes Produkt ein Zauberstab der tausend Wünsche. Und diese Marketingkultur wirkt sich auf alle Bereiche aus. Ebenso, wie uns die Produktwerbung „dialektisch umspielt“ sind auch Politiker „innovativ und bewahrend“ und auch eine Kunstinstallation kann beschränken und erweitern zugleich. Hauptsache irgendwie … naja … so kunstmäßig halt. Die Moderne als Abfeiern des Unbestimmten.

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