Ich hab was gegen Kinder, allerdings nur hier

Versperren Sie mir den Weg, ich bin Vater

Ich habe vor kurzem das sehr unterhaltsame Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ von Anja Maier gelesen. Nicht weil ich das unbedingt wollte. Es war da, ich hatte nix zu lesen dabei und hab es mir an einem Abend reingezogen. Es geht dabei um nervige Öko-Mütter.  Einfach mal kurz diesen Auschnitt hier lesen: „Die Weiber denken, sie wären besser“ – und man bekommt einen guten Eindruck. Schön auch die Kommentare dazu. Nun dann gestern den Artikel „Ich habe nichts gegen Kinder, nur bitte nicht hier“ gelesen, auch inklusive der Kommentare. Den Kommentatoren schreie ich hiermit zu:

ICH HABE WAS GEGEN KINDER! ALLERDINGS NUR HIER! IM INTERNET! WENN IHR NIX BESSERES ZU TUN HABT ALS EWIG AUF DIESEM THEMA RUMZUHACKEN!

Dies schreie ich wohlgemerkt nur den Kommentatoren beider Artikel zu, denn die Position von „das Nuf“ ist ja recht ausgewogen. Und nun einmal ausgeholt und losgelegt.

Ja, auch ich gehöre zum Bionade-Biedermeier. Zwar nicht in Berlin sondern in Köln. Auch ich war einmal der Meinung, mit Kindern gehört mir die Welt. Zumindest solle gefälligst alle Welt Rücksicht nehmen und kinderlieb sein. Ansonsten: Alarm! Alarm! Kinder-Hasser! Das Buch von Anja Maier hat mir aber zu denken gegeben – und ich habe meine Haltung geändert. Die Passanten auf der Strasse haben ein Recht darauf, unbeschadet an Roller fahrenden Kindern vorbei gehen zu können. Das kinderlose ältere Paar in einem etwas schickerem Restaurant hat ein Recht auf sein romantisches Candlelight Dinner ohne von tobenden Kindern an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht zu werden. Es muss dort auch nicht zwingend ein Kindergericht geben. Menschen in der Bahn müssen nicht automatisch in die Späße der Kinder einbezogen werden und die Sitze mit Eis vollgeschmiert werden. Vor Trotz auf dem Fußgängerüberweg liegende herumwütende Kinder müssen nicht den ganzen Verkehr lahm legen, bis sie ihre Verhalten genügend reflektiert haben.
Es gibt nicht nur Kinder auf der Welt. Es gibt auch noch andere Menschen. Und die haben auch Rechte. Vielleicht nicht so viele wie Kinder, aber immerhin vielleicht hin und wieder ein paar klitzekleine Rechte.

„Da könnte man ja mal versuchen Rücksicht drauf zu nehmen“, hab ich mir gedacht. Und siehe da: es geht. Und was noch überraschender ist, die Menschen um einen herum werden netter. Wenn nun Passanten versuchen an mir und meinen Rollerchaoten vorbeizukommen, dann sag ich schon mal „Ach, Entschuldigung, ich habe sie nicht gesehen, kleinen Moment“ und bitte meine Rocker mal kurz Platz zu machen. Statt blöden Sprüchen, höre ich dann öfter mal ein „Vielen Dank, geht schon.“ Und wenn ich mit meinen Kindern im Eiscafe bin und sie anhalte nicht die anderen Gäste zu belästigen, dann kommt es öfter vor, dass das ältere Ehepaar mir zuraunt „Ach lassen sie nur, das sind doch Kinder, wir waren doch auch mal so“. Komisch. Und alles nur, weil ich mit meinem Verhalten signalisiere, dass ich bereit bin Rücksicht zu nehmen. Und anstatt maßlos Rücksicht und Kinderliebe von anderen einzufordern, versuche ich mit den Menschen respektvoll umzugehen und im Zweifel lieber vorher zu fragen, bevor ich Dinge als selbstverständlich hinnehme. Wer Verständnis einfordert, sollte auch selber welches seiner Umwelt entgegenbringen.

Ich fordere mehr Toleranz gegenüber Kinder-Hassern. Und wenn wir ganz ehrlich sind, meist sind es ja keine Kinder-Hasser sonder eher Eltern-die-ihre-Soziopathen-Kinder-ungefragt-auf-Welt-loslassen-Hasser. Also liebe Öko-Muttis, reflektiert mal Eure MeFirst Haltung.

P.S.
Ich darf das schreiben, denn ich bin der Super-Papa. Mit der Geburt meiner ersten Tochter habe ich nur noch 2 Tage die Woche gearbeitet und mit der Geburt meiner zweiten Tochter gleich drei Jahre Elternzeit genommen. Den Job werde ich jetzt kündigen und ganz den Part des Hausmanns übernehmen. Meine Frau arbeitet und schafft das Geld ran, ich schmeiß den Haushalt und kümmere mich um die Kinder. Und es ist die schönste Zeit meines Lebens.

P.P.S
Ach und wo ich gerade dabei bin. Wer hat eigentlich den unsäglichen Rhetorik Kniff erfunden „Wenn man das Wort XXX durch YYY setzt, dann sieht man wie schlimm das alles ist.“ Was soll das denn bitte schön? Ersetzt doch mal bitte in dem Satz „Die Nazis waren Scheisse“ das Subjekt durch „die Juden“. Und? Was gemerkt? Sprache ist schon komisch oder? Könnte es vielleicht sein, dass manche Dinge nur so gemeint sind, wie sie geschrieben wurden?

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2 Meinungen dazu

Simon,
19.03.2012, 17:29 Uhr

Sehr spannende Debatte, wenngleich der Rundumschlag von Frau Maier (habe nur das aus der taz gelesen) meiner Meinung nach nicht wirklich zielführend ist. Ob es sich hier um Gentrifizierungs-Kritik (int. Artikel hierzu auch unter http://www.zeit.de/2012/05/Gentrifizierung) oder versteckten Sexismus handelt, sei mal dahingestellt, verhält es sich aber mit den meisten Menschen nicht so: wenn ihnen etwas ‚weggenommen‘ wird, das sie vorher für sich (evtl. unberechtigterweise) beansprucht haben, dann wird erstmal drauflosgeschossen? Frau Maier hat man anscheinend ‚ihr‘ Viertel weggenommen…
In Köln musste ich des Öfteren erleben, wie Mitbürger über meinen rechtsrheinischen Wohnsitz die Nase rümpften; komischerweise immer Menschen, die dieser Stadt auch zugezogen sind, aber eine ordentliche Portion angelesenen Lokalkolorit verinnerlicht haben und mit ihrem persönlichen Phrasen-Kreuzzug nun zur Rudelbildung aufrufen: ’nee, da kann man doch nicht wohnen‘. Komisch indes, das viele gebürtige Kölner die rechtsrheinischen Viertel garnicht so abwegig finden, sei es aus ökonomischen Gesichtspunkten oder aus sozio-kulturellen (liebe Südstadt-Kids: ‚Du bes Kölle. Du bes super tolerant..‘ ist an Karneval mal eben mitgegröhlt, aber lebt ihr das auch?). Vielleicht ist Ehrenfeld bald (oder schon heute?) der Kölner Prenzlberg, wir werden sehen. Generell scheint der Mensch aber -und da ist es egal ob im überfülltem Großstadt-Cafe oder auf’m platten Land- seinen Unmut gegen das Andersartige richten zu müssen: Radfahrer, Ausländer, Frauen mit Kinderwagen, Hundebesitzer egal…
Apropos rethorische Kniffe: in der ländlichen Konversation findet man häufig den Nachnamen einer Person mit der Berufsbezeichnung Kombiniert (also ‚Elektro-Müller‘ oder ‚Eisen-Peter‘) Vielleicht wäre es eine wirklich großstädtische Geste endlich auch hier damit anzufangen, also der ‚Ashtanga Yoga-Schäng‘ oder der ‚Haschisch-Pitter’…

FC Stoffel,
22.03.2012, 11:24 Uhr

Ich hab ihr Buch ja gelesen und muss sagen, dass es in dem Buch etwas anders rüber kommt. Sie hat viele Interviews geführt und diese dann wiedergegeben. So auch der Ausschnitt in der TAZ. Ihre Meinung ist da etwas differenzierter. Und ihr geht es nicht zuletzt auch immer um eine gute Pointe.
Nichtsdestotrotz: ich gebe Dir Recht, Toleranz sollte man zuerst einmal aktiv ausüben, bevor man sie einfordert.

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