Wandelnd auf dem schmalen Grad zwischen Maul halten und Mund aufmachen

Mein Versuch das Richtige im Falschen zu tun

In den letzten Tagen singe ich ein kleines Liedchen immer öfter vor mir her. Den Text habe ich mir selber ausgedacht, die Melodie ist die von „Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper. Probiert es doch mal selbst aus und singt es mit mir mit:

Und die Hater
Haben Twitter
Und die schreien uns
Ins Gesicht
Doch meine Freunde
Lesen Twitter
Bleiben stumm und
Sagen nichts

Das Liedchen hilft mir dabei, mir mein letztes bisschen Galgenhumor zu bewahren, bevor ich komplett an der Welt verzweifle. Natürlich gibt es jede Menge Menschen die einfach mal komplett anders ticken als ich. Die nicht aufhören ihr ignorantes, intolerantes, herablassendes, chauvinistisches, rassistisches, homophobes, kurz einfach nur menschenfeindliches Weltbild in die Netzwelt hinauszubrüllen. Diese Menschen hat es immer gegeben, die wird es wahrscheinlich auch immer geben. Aber ich kann mir nicht helfen: irgendwie werden die immer lauter und keinen scheint es so richtig zu stören.

Öfter mal den Mund aufmachen

Ich glaube nicht daran, dass wir das weiter aussitzen können. Die bekannte Strategie „Don’t feed the trolls“ oder ein schulterzuckendes „Haters gonna hate“ bewirkt rein gar nichts. Im Gegenteil: wir räumen das Feld und überlassen die Kommunikation den Schreihälsen. Und die können dann ungehindert rumpöbeln und sich zu einem Mob aufschwingen. Weil es immer mehr werden und sich nur wenige Ihnen entgegenstellen. Dabei ist es doch eigentlich genau andersherum: Wir sind viele. Die sind wenig. Es ist nur leider nicht sichtbar, weil wir viel zu oft den Mund nicht aufkriegen. Vielleicht weil wir denken, der Pöbel sei nicht satisfaktionsfähig, es sei unter unserer Würde sich mit Abschaum auseinander zusetzen, mit so was diskutiert man doch nicht. In der Tat sind Diskussionen schwierig mit Menschen, deren Menschenbild in Stein gemeißelt ist. Aber es spricht doch nichts dagegen, einfach mal den Mund aufzumachen und den Rüpeln klar und deutlich zu sagen „Dein Verhalten ist nicht in Ordnung. Du verletzt damit andere Menschen. Ich finde das nicht gut.“

Und gleichzeitig sollten wir den Menschen, die zum Ziel solcher Attacken geworden sind, unsere Solidarität aussprechen. Wir sollten viel öfter anderen Menschen sagen, dass wir gut finden, was sie tun und wofür sie sich einsetzen, dass wir auf ihrer Seite stehen. Ein einfaches „Danke für dieses Statement. Sehe ich genauso.“ reicht oft schon aus. Klar ist es einfacher sich über etwas aufzuregen als für etwas zu begeistern. Aber wenn wir es schon nicht selber hinkriegen, jeden Tag den Kampf für eine menschenfreundlichere Welt persönlich auszufechten, dann sollten wir hin und wieder den Menschen, die das tatsächlich fast täglich tun, unseren Dank aussprechen.

Im richtigen Moment das Maul halten

Auf keinen Fall sollten wir an diesen Menschen im falschen Moment herumnörgeln oder sie für Kleinigkeiten kritisieren. Solange etwas der gemeinsamen Sache dient ist es doch völlig egal, ob das jetzt zu 100 % genau so formuliert wurde, wie ich das persönlich gerne hätte. Es ist völlig egal, ob etwas pauschalisiert wurde, eine von zehn Studien aber zu einem anderen Ergebnis kommt, ein Rechtschreibfehler sich eingeschlichen hat, ein Sachverhalt vielleicht auch etwas anders interpretiert werden kann oder sich ein klitzekleines Haar in der Suppe befindet. Niemand braucht einen Klugscheißer, der an einem rumnörgelt, wenn man sich gerade mit einem Haufen Idioten auseinander setzen muss.

Wenn jemand sich gegen menschenfeindliche Äußerungen wehrt und mir daran vielleicht etwas nicht zu 100% gefällt, vielleicht weil es ein wenig übers Ziel hinausschießt, dann sollte ich mir ganz genau überlegen, ob ich nicht vielleicht auch mit 75% Übereinstimmung klar kommen, bevor ich mich zu kleinlicher Kritik hinreißen lasse. In den allermeisten Fällen ist Solidarität in der großen Sache wichtiger als in einem kleinen Punkt Recht zu haben. Und wenn es doch berechtigte und wesentliche Kritik gibt, dann sollte die zu einem günstigen Zeitpunkt über nicht ganz so öffentliche Kanäle geäußert werden.

Das Richtige tun

Ich mache den Mund auf

  • wenn ich menschenfeindliche Äußerungen lese
  • wenn zu wenige sich solidarisch zeigen
  • wenn ich die Haltung eines Menschen richtig finde
  • und das auch, wenn schon hunderte vor mir dasselbe getan haben

Ich halte mein Maul

  • wenn es nur um Kleinigkeiten geht
  • wenn mir etwas zu pauschal erscheint
  • wenn ich etwas zwar genauso sehe, aber aus ganz anderen Gründen
  • und das auch, wenn noch keinem außer mir das aufgefallen ist

Und vor allem halte ich mein Maul, wenn ich den konkrete Sachverhalt nur von aussen kenne und Gefahr laufe, einfach nur irgend etwas nachzuplappern ohne es selbst überprüft zu haben.

Unterm Strich ist es eigentlich ganz einfach. Ich wünsche mir nur, es würden sich mehr Leute daran erinnern, was sie vielleicht als Kinder noch gewusst haben:

Wenn Freunde sich mit anderen streiten, dann fällt man Ihnen nicht in den Rücken sondern stellt sich vor sie.

Weiter lesen und den Links folgen:
Das Nuf: Gegen die Hilflosigkeit

3 Meinungen dazu

Michael,
13.10.2014, 11:02 Uhr

Ein schöner Text, dem ich zustimme. Auch wenn ich vielleicht eher zu denen gehöre, die glauben, dass man Spinnern nur begrenzt widersprechen kann, weil Spinner auf Widerspruch gedeihen, wie Schimmelpilze auf Kompost. Man bekämpft einen Gewalttäter nicht, in dem man sich mit ihm prügelt.

Ich selber habe mir vorgenommen, statt Widerspruch möglichst nur noch Zustimmung kundzutun. Die Freunde stärken ist besser, als die Feinde zu beschimpfen.

Das Feld, das wir räumen, ist vielleicht gar nicht so groß. Und ich bin über seine Wichtigkeit unentschlossen. Im Grunde ist es ein Aufmerksamkeitswettbewerb, dem ich mich entziehen kann. Auf Spam antworte ich ja auch nicht …

In letzter Zeit träume ich oft von Entdigitalisierung, ohne genau sagen zu können, was dies alles umfasst. Von einer Rückkehr der DINGE. Ich spüre hier einen tiefen Zusammenhang zu diesem Thema aber noch finde ich den konsequenten Zugang nicht. Nur das Gefühl, dass das Internet nicht wirklich „da ist“ und wenn, dann nur in einer sekundären Form von Dasein?
Auf gewisse Weise leben Trolle in einer Traumwelt. Eine Welt, in der Kommunikation dasselbe Dasein hat, wie für mich ein Felsen am Strand, oder ein Baum oder der Straßenbelag.
Wenn ich den ganzen Tag IM Internet bin, WO bin ich dann? Bin ich dann überhaupt irgendwo? Rede ich WIRKLICH mit Menschen? Oder mit Schatten?

Gregor,
13.10.2014, 11:40 Uhr

Ich bin mir nicht so sicher, ob wir mit den Trollen fertig werden, wenn wir ihnen antworten. Diese Beschreibung

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/hass-im-netz-ich-bin-der-troll-13139203.html

fand ich ganz plausibel. Und der Mensch hat einfach viel, viel mehr Zeit und Energie.

Bin leider auch etwas ratlos was man tun könnte.

Moritz »mo.« Sauer,
16.10.2014, 22:46 Uhr

Danke für die Gedankenanstöße. Ich wollte etwas ähnliches auch schon lange schreiben. Ich habe es jetzt getan und es ist auch eine Antwort auf Deinen Artikel: In welcher Gesellschaft willst Du Leben?

Dank Dir habe ich mir die Beiträge von Das Nuf und vor allem Kathy Sierras durchgelesen. Traurig.

Und Michaels Kommentar ist auch wunderbar formuliert. Toll:

In letzter Zeit träume ich oft von Entdigitalisierung, ohne genau sagen zu können, was dies alles umfasst. Von einer Rückkehr der DINGE. Ich spüre hier einen tiefen Zusammenhang zu diesem Thema aber noch finde ich den konsequenten Zugang nicht. Nur das Gefühl, dass das Internet nicht wirklich “da ist” und wenn, dann nur in einer sekundären Form von Dasein?

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