Mehr vom Staat überwacht als vom Terror bedroht

Unsere fehlerhafte Gefahrenmatrix

Gestern wieder ein typisches Gespräch geführt und wieder ein Argument gehört, dass der Post von Wagner entnommen wurde: „lieber überwacht als tot.“ Etwas später in der Diskussion dann die „Kinderpornographie-Keule“. Ich muss hier nicht schreiben, dass das Unfug ist, oder? Ich muss auch nicht betonen, dass da komplexe multikausale Zusammenhänge auf simple Einfachstbegründungen zusammengedampft werden, oder? Aber warum fällt es in solchen Gesprächen so ungemein schwer, die Menschen, die offensichtlich Angst vor dem Neuen / Unbekannten (hier dann das Internet) haben, von den Gefahren der Überwachung zu überzeugen und die Argumente der Überwachungsbefürworter zu entkräften? Wahrscheinlich weil Angst aus vernünftig denkenden Menschen wieder kleine Kinder macht, die einfach ihre Augen verschließen und darauf vertrauen, dass Papa (hier dann Vater Staat) schon weiß, was richtig ist.  Kann ich das belegen? Nein. Kann ich belegen, daß wir mehr vom Staat überwacht werden, als wir vom Terror bedroht sind? Nicht direkt. Aber ich kann es ja mal versuchen.

Wie groß ist die Terrorgefahr in Deutschland?

Obwohl jedes Jahr auf neue vor der Gefahr des Terrors gewarnt wird, läßt sich gar nicht so einfach sagen, welche konkrete Gefahr uns in Deutschland droht. In der Statistik Todesfälle in Folge terroristischer Angriffe nach Ländern im Jahr 2011 ist Deutschland nicht aufgeführt. Spitzenreiter sind Irak und Afghanistan. Warum die Todesfälle in diesen Ländern als Folgen terroristischer Angriffe gewertet werden, kann ich nicht beurteilen. In der Statistik Tote bei ausgewählten islamistisch-terroristischen Terroranschlägen seit dem Jahr 1993 werden zwei Tote im Jahr 2011 in Frankfurt aufgeführt. Im Wiki von Daten-Speicherung.de dann etwas andere Zahlen: „Seit 2001 sind in Europa 247 Personen durch einen terroristischen Anschlag ums Leben gekommen“. Also von 2001 bis heute, innerhalb von 12 Jahren, 247 Tote. Zum Vergleich gibt es im Wiki von Daten-Speicherung.de dann noch den Hinweis, dass seit 2001 in Europa „bei Stürmen 256 Menschen getötet worden“ sind. Diese kleine, erste Recherche bestätigt mir, was wir eigentlich alle in unserem tiefsten Inneren wissen und nur nicht wahr haben wollen:

Autobahnen sind gefährlicher als Datenautobahnen

Das ist billig, das ist lame, das ist platt, aber es ist wahr. Die Statistik Todesfälle im Straßenverkehr weist 4.009 Tote für 2011 und 3.606 Tote für 2012 aus. Wo bleibt da der Ruf nach mehr Sicherheit im Straßenverkeht? Wo wird endlich ein Tempolimit auf allen Autobahnen gefordert? Wo wird mehr Überwachung durch Verkehrkontrollen und Radarfallen verlangt? Und wieso nicht? Weil wir alle uns täglich im Straßenverkehr bewegen und glauben, die Risiken selber einschätzen zu können. Was gab es da für Empörung als das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein entschieden hatte:

Kollidiert ein Radfahrer im öffentlichen Straßenverkehr mit einem anderen – sich verkehrswidrig verhaltenden – Verkehrsteilnehmer (Kfz; Radfahrer usw.) und erleidet er infolge des unfallbedingten Sturzes Kopfverletzungen, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, muss er sich grundsätzlich ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms anrechnen lassen.
Urteil vom 5. Juni 2013; Az. 7 U 11/12

Interessant hierzu die Argumentation des AFCD: Da nur 11% Prozent aller Radfahrer Helme tragen, kann man eben nicht davon ausgehen, dass vernünftige Menschen Helme beim Radfahren tragen, denn das würde ja bedeuten daß rund 90% Prozent aller Radfahrer unvernünftig seien.

Um es hier einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: DOCH. 90% Prozent aller Menschen, also wir, sind unvernünftig. Wir handeln wider besseres Wissen. Wir rauchen, trinken, fahren zu schnell Auto, fahren Fahrrad ohne Helm, begeben uns in Gefahr, suchen mitunter Adrenalin-Kicks. Weil wir Menschen sind. Und weil wir „die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen als zu unbekannten fliehn.“ (Shakespeare, Hamlet)

Wut, Pathos und mehr Angst

Und das bringt mich dann wieder zurück zum Ausgangsthema. Wie können wir in einem „Angst vor dem Terror Klima“ unsere Demokratie retten? Sascha Lobo und Felix Schwenzel haben zu Recht mehr „Wut“ eingefordert, Sascha Lobo auch mehr „Pathos“ und beide wünschen sich mehr „Machen“. Ich möchte das ergänzen um mehr „Angst“. Ich möchte, daß wir mehr Angst vor einem Überwachungsstaat verbreiten. Ich möchte, daß wir ein Überwachungs-Horroszenario entwerfen und es dem Terror-Bedrohungsszenario entgegenstellen. Wir brauchen mehr Geschichten wie die von Andreas Baum: „Wie mein Smartphone von der Polizei durchsucht wurde“ oder von Michael Blume: „Sollten sich ‚anständige Bürger’ wegen der Überwachung sorgen? – Ein Erfahrungsbericht aus den Schattenkriegen“

Ich möchte, dass wir immer und immer wieder Geschichten über die Gefahren der Überwachung erzählen. Keine Diskussionen mehr. Keine Argumente mehr. Nur noch Gruselgeschichten aus dem Überwachungsstaat. Lasst uns mehr Angst davor verbreiten. Bis wir hoffentlich an einem Punkt sind, in dem auch der unbescholtene Bürger mehr Angst vor der Überwachung als vor dem Terrorismus hat und endlich bereit ist seine fehlerhafte Gefahrenmatrix zu justieren und sich den wirklichen, leider allzu alltäglichen  Gefahren des Lebens zu widmen.

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