Wenn der Bauer schwimmen kann, braucht er keine Badehose

Musikerhandbuch: Das richtige Equipment

Gute Musiker brauchen kein Equipment. Wenn sie richtig gut sind und mit ihrer Musik Geld verdienen, haben sie wahrscheinlich sehr viel exzellentes und teures Equipment zur Verfügung. Das benutzen sie gerne. Weil es angenehm ist, die Arbeit enorm erleichtert, und sie damit vielleicht etwas einfacher ihre musikalischen Ideen umsetzen können. Aber eigentlich brauchen sie das nicht, denn sie können ihre eigenen musikalischen Ideen umsetzen, unabhängig davon, welches Equipment ihnen gerade zur Verfügung steht. Sie tun dies Tag für Tag, mitunter Nacht für Nacht, egal wo sie gerade sind, gegen alle Widerstände die sich ihnen in den Weg stellen. Schlechtes Equipment ist für gute Musiker das kleinste Hindernis, denn sie wissen wie ihre Musik klingen soll und können dies selbst auf dem schlechtesten Equipment der Welt entwickeln. Oft sind es gerade die Beschränkungen, die sie anspornen die Grenzen auszuloten und durch ihre eigene Kreativität neue Klangwelten zu entdecken.

Es gibt sehr viele Anekdoten über Musiker, die trotz ihrer begrenzten Fähigkeiten oder ihres fehlerhaften Equipments stilbildend für neue Musikgenres waren. Die muss ich hier nicht wiederholen. Wichtig ist der gemeinsame Nenner in diesen Geschichten. Es kommt nicht drauf an, was Du kannst oder über welches Equipment Du verfügst. Es kommt einzig und allein darauf an, was Du daraus machst.

Jede Instrumentalistin weiß, dass der Klang aus den Fingern, dem Ansatz, der richtigen Haltung, sprich dem richtigen Umgang mit dem jeweiligen Instrument entwickelt wird. Selbst das beste Instrument klingt in den Händen einer Anfängerin schlecht, während eine herausragende Musikerin selbst dem schlechtesten Instrument ihren eigenen Sound entlocken wird. Das gilt auch für elektronische Musik. Nur das hier der Sound nicht aus den Fingern kommt, sondern aus der eigenen Herangehensweise in der Programmierung der Sounds und der Sequenzen.

Es gibt jede Menge Signature Modelle, also Instrumente, die nach den Vorgaben eines bekannten Instrumentalisten in Serie gebaute werden. Diese Modelle werden nicht gebaut, damit die Instrumentalisten damit endlich ihren Sound hinbekommen. Ganz im Gegenteil. Die Instrumentalisten haben ihren eigene Sound schon lange gefunden und sind mit ihrem „signature sound“ so berühmt geworden, dass die Musikhersteller von diesem Ruhm profitieren wollen. Das unausgesprochenen Versprechen „mit diesem Instrument klingst Du wie Dein Idol“ geht nur leider nie in Erfüllung. Denn nur das Idol spielt das Instrument in der ganz eigenen Art und Weise, dass es nach dem Idol klingt; und nicht nach Karl Arsch, der zwar viel Geld hat, das aber leider nie in vernünftigen Unterricht  investiert hat. Nicht das Unterricht so wichtig wäre, dazu später mehr, aber es hilft am Anfang mehr als ein teures Instrument.

Es muss nicht immer das neueste und teuerste Equipment sein. Für den Anfang reicht es, wenn es nicht gerade der letzte Schrott ist, es sei denn, genau das hilft Dir Deinen ganz eigenen kaputten Sound zu kreieren. Wenn Du ein Instrument spielst: Lerne es zu spielen, übe regelmäßig und versuche nur mit Deinen Fingern, Händen, Füßen, Lippen, Hirnschmalz, was auch immer, Deinen eigenen Sound hinzubekommen. Wenn Du elektronische Musik machst: Lese das verfickte Handbuch, lerne die Geräte zu bedienen, bis Du nicht mehr über einzelne Schritte nachdenken musst und versuche Sounds und Melodielinien zu programmieren, die sich deutlich von den Presets unterscheiden.

Für Gitarristen heißt das: Eine Gitarre, die eine halbwegs vernünftige Saitenlage hat und einigermaßen Bundrein ist, in Verbindung mit einem beliebigen Gitarrenverstärker und maximal einem Overdrive/Distortion Pedal, falls der Verstärker das eh nicht schon vernünftig kann, reicht aus, um alle Riffs und Soli dieser Welt zu spielen.

Für Elektroniker heißt das: Ein gebrauchter Laptop mit einem beliebigen Musikprogramm (ja, egal welches, wirklich) reicht aus um die Leute zum Tanzen zu bringen. Falls es auf keinen Fall ein Laptop sein soll, dann reicht eine (ja eine) Groovebox aus, in der sich Beats und mindestens eine Melodielinie programmieren lassen. Oder Du benutzt einen Drumcomputer und einen Sequencer mit einem Klangerzeuger.

Ich kenne drei berühmte (und zwei weniger bekannte) Elektroacts die am Anfang ihrer Karriere mit nur einer Groovebox ein halbstündiges Vorprogramm vor dem Hauptact gespielt habe. Ich war dabei, ich habe das mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gesehen, wie das Publikum getanzt hat und abgegangen ist. Und jeder von uns kennt genügend Beispiele für das Modell Ein-Mann-und-seine-Gitarre, bzw. Eine-Frau-und-ihre-Gitarre, die damit ganze Konzerthallen mitunter einen Abend lang unterhalten. Und das sind nicht alles Singer/Songwriter auf Schmusekurs.

Ich sehe Dich jetzt nicken, seufzen und dann zu einem „ja aber“ ansetzen. Es gibt kein „aber“. Bleib bei Deinem Equipment und versuche das Beste rauszuholen was geht. Versuche kreativ mit Deinen Möglichkeiten umzugehen. Wenn Du Dir sicher bist, dass Du alles bis an die Grenzen des Möglichen ausgereizt hast, dann kannst Du darüber nachdenken Deine Möglichkeiten zu erweitern. Ich sage bewusst Deine Möglichkeiten. Die technischen Möglichkeiten irgend eines neuen Gerätes sind völlig nebensächlich. Es geht einzig und allein darum, dass das neue Gerät exakt Deinen Anforderungen in der Entwicklung Deines Sounds entspricht. Das kannst Du aber erst wissen, wenn Du alle Deine Geräte und Deine Möglichkeiten voll ausgeschöpft hast.

Das bedeutet auch, dass Du Dir überlegen solltest, was Du brauchst und dann erst anfängst zu recherchieren, welches Gerät das Richtige für Dich ist. Und Du eben nicht bei jedem neuen Gerät das auf den Markt kommst wild herumphantasierst, welche neuen Möglichkeiten Dir damit eröffnet werden. Du brauchst keine Wunderbox, die vollgepackt ist mit einem Haufen von Versprechen, von der sich aber keine Einziges einlösen lässt, weil Du nicht weißt, wie man den Wunsch richtig ausspricht.

Du brauchst eine klare Vorstellung davon, wie Du klingen willst und die entwickelst Du nur, wenn Du nicht täglich in einem Meer von Möglichkeiten untergehst.

In der nächsten Episode werde ich etwas konkreter und gebe mal ein paar Beispiele für mögliche, sinnvolle Erweiterungen Deines Equipments. Jetzt ist erst mal Schwimmen ohne Badehose angesagt, denn dazu braucht man nur Wasser und sonst nix.

1 Meinung dazu

Moritz »mo.« Sauer,
02.07.2014, 14:58 Uhr

Das unterschreibe ich und ich erlaube mir auch kein weiteres »…aber ich brauche/möchte noch dies oder das…«. Das finde ich z.B. auch so cool am Webdesign. Auf jedem Rechner kann man mit den simpelsten Tools wie einem rudimentären Texteditor Websites bauen. Wie cool die werden, hängt nur vom Können und gestalterischen Fähigkeiten ab. Na, den Inhalt darf man nicht vergessen.

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