Noten sind Musikrezepte

und sollten wie Kochrezepte frei sein

Kochrezepte genießen nur unter bestimmten Bedingungen den Schutz des Urheberrechts. Noten und Liedtexte hingegen sind per Definition urheberrechtlich geschützt. Wieso eigentlich? Ich kann da keinen großen Unterschied erkennen und meine es ist an der Zeit umzudenken. Ich behaupte: Noten sind Rezepte für Musik und sollten ebenso wie Kochrezepte urheberrechtlich nicht geschützt sein. Denn die Auffassung, dass Noten bereits das eigentliche schützenswerte Werk sind, ist heutzutage eigentlich nicht mehr haltbar. Wir sollten uns von der Vorstellung lösen, dass Noten der Musik zu Grunde liegen und uns mit dem Gedanken des genauen Gegenteils anfreunden: Erst kommt die Musik und dann die Noten. Noten sind nur eine Sammlung von Zutaten, Mengenangaben und Anweisungen zur Herstellung von Musik, um einmal einen Vergleich zu den Kochrezepten herzustellen. Unerhört? Genau. Ich kann Noten lesen und mir die Musik vorstellen, aber hören kann ich die Musik nur, wenn sie von einem Musiker interpretiert und gespielt wird. Und das ist der springende Punkt. Die Musik in ihrer einzigartigen Ausprägung ist das eigentliche Werk und wenn’s sein muss schützenswert. Die aus der Musik abgeleiteten (und ihr eben nicht zu Grunde liegenden) Noten sollten hingegen frei verfügbar und nutzbar sein. Das würde viele Probleme lösen und neue Möglichkeiten eröffnen. Gehen wir die Sache doch mal Schritt für Schritt durch.

 Was war zuerst, die Musik oder die Noten?

Es ist ein Allgemeinplatz, dass große Komponisten ihre Musik notieren konnten, ohne am Klavier zu sitzen und herumzuprobieren. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass zuerst die Noten da waren. Denn die Komponisten haben die Musik zuerst in ihrem Kopf gehört und danach notiert. Hierzu ein Zitat das Mozart zugeschrieben wird:

„… und das Ding wird im Kopfe wahrlich fast fertig, wenn es auch lang ist, so daß ichs hernach mit einem Blick, gleichsam wie ein schönes Bild oder einen hübschen Menschen, im Geiste übersehe, und es auch gar nicht nacheinander, wie es hernach kommen muß, in der Einbildung höre, sondern wie gleich alles zusammen.“

Mal abgesehen davon, dass solche Zitate eher der Legendbildung dienen als den tatsächlichen Sachverhalt darzustellen, weist dieses Ausspruch doch auf einen ganz wesentlichen Punkt hin: Noten sind nur ein Speichermedium, ein Behelf, eine Krücke, um die komponierte Musik in irgendeiner Weise reproduzierbar zu machen. Die Musik wird zuerst komponiert, ob am Klavier oder einem anderen Instrument, oder im Kopf. Danach wird sie aufgeschrieben. Ein erstes Indiz für den fehlenden Werkcharakter der Noten an sich.

Ohne Interpretation der Noten entsteht keine Musik

Ebenfalls ein Allgemeinplatz ist die notwendige Interpretation der Noten. Ohne einen Musiker, der gelernt hat, die Noten so zu interpretieren wie sie – dem allgemeinen Kanon ihrer Zeit entsprechend – gemeint sind, klingt Musik so, wie wir sie zu hören gewohnt sind. Und eben nicht nach mechanischer Computermusik. Immer wieder gibt es in der Musikgeschichte wegweisende Interpretationen ein und desselben Werkes, beispielsweise die Goldberg Variationen, die von Glenn Gould gleich in zwei Fassungen vorliegen. Oder „Straight no Chaser“ von Thelonius Monk, einer der meist interpretierten Jazzstandards. Wie lassen sich die immer und immer wieder neu eingespielten Fassungen diverser Sinfonien erklären, wenn nicht durch immer wieder neue und spannende Interpretationen. Wenn die Partituren mehr wären als die schematische Organisation von Tönen in ihrer zeitlichen Abfolge, ergänzt um ein paar skizzenhafte Dynamik- und Artikulationsangaben, wenn sie also zu 100% exakte Spielanweisungen wären, dann gäbe es von jedem Werk exakt nur eine gültige Einspielung. In der neuen E-Musik gibt es solche Versuche, Musik so exakt wie möglich zu notieren. Ironischerweise bedarf es hier dann Titanen gleicher Interpretationsanstrengungen seitens der Musiker um durch diese unübersichtlichen Notationssysteme durchzusteigen. Es bleibt dabei: Noten bedürfen der Interpretation, damit aus ihnen Musik entsteht. Ein zweites Indiz für den fehlenden Werkcharakter der Noten an sich.

Partituren sind keine Romane

Nur weil Noten sich ähnlich wie Buchstaben drucken lassen, sind sie noch lange keine Werke an sich, wie das bei Romanen der Fall ist. Das sehen die Verleger natürlich ganz anders und sie haben seit Jahren auch erfolgreich daran gearbeitet, dass Noten dem gedruckten Wort de facto gleich gestellt sind. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Romane werden geschrieben, um gelesen zu werden. Noten werden geschrieben, um zu Gehör gebracht zu werden. Den Einwand „Noten können von geübten Musikern durchaus gelesen werden ohne sie zu spielen“ lasse ich nicht gelten, denn das ist eher eine Zweitnutzung der Noten. Es mag ein paar Musiker geben, die sich ganze Sinfonien abends vor dem Schlafengehen per Partitur reinziehen. Das ist aber nicht der Regelfall. Im allgemeinen möchten wir Musik hören und nicht lesen. Und dies ist dann das dritte Indiz für den fehlenden Werkcharakter der Noten an sich.

Popmusik braucht keine Noten

Popmusik kommt in ihrer Entstehung komplett ohne Noten aus. Wenn überhaupt, dann gibt es ein Leadsheet, mit der Gesangsmelodie und den Akkorden. Und dazu ein fertiges Layout des Komponisten, in dem sämtliche Musik bereits als Demo eingespielt wurde. Die Musik von heute, oder sagen wir einfach der letzten 70 Jahre, ist als Werk identisch mit ihrer Aufnahme. Musik, wie wir sie kennen, ist Musik wie wir sie hören. Wir verbinden mit jedem Musikstück immer eine ganz spezielle Aufnahme, einen ganz speziellen Sound. Und die Musiker tun dies auch. Der Klang der Musik auf dem Tonträger ist ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal für die Musiker geworden. Noten sind sekundär und werden nur noch im Nachhinein transkribiert um für Songbooks herzuhalten. Jeder halbwegs talentierte Musiker kann sich die populäre Musik der letzten 70 Jahre mühelos heraushören und neu interpretieren. Ich möchte bezweifeln, dass Heino bei seiner jüngsten Neuinterpretation deutscher Rockhits auch nur eine Partitur benutzt hat. Der Witz bei Heino liegt ja gerade in dem typischen Sound und eben nicht in den Songs an sich. Das Unverwechselbare der Stars ist heutzutage ihr Klangbild und weniger die zu Grunde liegenden Noten. Somit das vierte Indiz für den fehlenden Werkcharakter der Noten an sich.

Eine neue Lizenz für Noten

Aus den oben dargelegten Gründen, möchte ich den Noten hiermit ihren originären Werkcharakter absprechen. Ich möchte die Noten von der eigentlichen Komposition trennen. Noten sind nichts anderes als eine Manifestation eines Werkes, sie sind aber nicht das Werk an sich. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Noten sind eine so ungenaue, unvollständige Kopie eines Musikstückes, dass sie nicht schützenswert sind. Noten sind, ähnlich wie Kochrezepte, eine Sammlung von Zutaten, Anweisungen und Tonangaben, die ohne weiteres Zutun nicht zu Musik werden. Noten sollten frei sein.

Wohlgemerkt nur die Noten, nicht die Musik. Die Musik, die aus den Noten entseht ist eine Interpretation des Werkes eines Komponisten. Das Werk sollte geschützt bleiben mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sprich Lizenzgebühren für die kommerzielle Nutzung. Ich wünsche mir eine Lizenz, die genau das ermöglicht. Die das Erstellen und Verbreiten von Noten aller Hits dieser Welt kostenfrei erlaubt und nur die Neuinterpretationen und öffentlichen Aufführungen kostenpflichtig macht. Kaum auszudenken, was für neue Geschäftsfelder sich da eröffnen würden. Kann diese Lizenz mal bitte einer für mich erfinden?

1 Meinung dazu

Was zum Lesen - 22. Januar 2014 | FlowFX,
22.01.2014, 17:45 Uhr

[…] Stoffel vergleicht Noten urheberrechtlich mit Kochrezepten. Ich finde, er hat recht. Für mehr freie Kultur: Noten sind Musikrezepte. […]

Eigene Meinung schreiben