Wie Du Deine Schaffenskrise überwindest ohne Ratgeber zu lesen

Musikerhandbuch: Wege aus dem Selbstverwirklichungswahn

Für jeden Kreativen, sei es nun Autorin, Künstler, Musikerin oder Schreiner, hält das Leben unerträgliche Qualen der Selbstzweifel bereit. Wir alle kennen die Hölle der bohrenden Fragen nach dem Sinn unseres Schaffens. Manch einer sucht dann sein Heil in der Lektüre von Ratgebern, die uns mit dem Versprechen der Erlösung locken, dieses Versprechen aber leider nie einlösen. Und so lesen wir Buch um Buch, Blog um Blog, Sinnspruch um Sinnspruch. Immer in der Hoffnung, irgendwann endlich den Rat zu finden, der uns von unseren Selbstzweifeln befreit, der uns unser volles kreatives Potential ausschöpfen lässt, der uns endlich ermöglicht, zu unserem ureigensten Selbst zu finden und uns endlich, endlich selber zu verwirklichen. Dabei raunen wir uns gegenseitig die neuesten Ratschläge zu, verweisen auf neue tiefe Einsichten, kreisen immer mehr um uns selbst, bis wir uns komplett im Strudel unserer ständigen Beschäftigung mit Selbstfindungsprozessen, Kreativtechniken und Wegen zur inneren Mitte verlieren. Wir machen alles mögliche, nur Kunst produzieren wir nicht.

Was ich damit sagen will: Die ganzen Ratgeber sind ein großer Haufen Mist. Und helfen nicht die Bohne.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich rede hier von Lebenshilferatgebern, Persönlichkeitsentwicklung, Coaching, Selbstoptimierung. Davon halte ich gar nichts. Ganz im Gegensatz zu den Büchern, Videos oder Kursen, die einem helfen, seine handwerklichen Fähigkeiten zu verbessern. Aber auch da gilt: Übung macht den Meister. Nur vom Lesen oder Zuschauen ist noch aus niemanden ein großer Künstler geworden. Selber etwas erschaffen ist angesagt.

Wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte

Viele der Lebenshilferatgeber klingen auf den ersten Blick ungeheuer tiefschürfend, zitieren große Philosophen, bemühen Zen und kommen besonders geistreich daher. Gedankenexperimente werden bemüht und die „großen“ Fragen des Lebens gestellt. Mein Lieblingsfrage ist immer noch „Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten?“

Darauf kann es nur eine Antwort geben. Wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte, dann habe ich aller Wahrscheinlichkeit nach Krebs oder eine andere gemeine Krankheit und werde den Großteil meiner Zeit notgedrungen mit der Behandlung der Symptome des Endstadiums dieser Krankheit verbringen. Ich werde meine Angelegenheiten so gut es geht ordnen und mich auf meinen Tod vorbereiten. Für die Last-Minute-Verwirklichung irgendwelcher spinnerten Träume werde ich dann weder die Zeit, noch die Muße, noch die Kraft haben. Und das ist völlig in Ordnung.

Denn bei solchen „großen“ Fragen sind schon die Prämissen komplett falsch. Das Leben lässt sich nicht auf wenige Dinge reduzieren, die wichtig sind. Das Leben ist die Gesamtheit aller Dinge in unserem Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Das Leben ist bunt und grau und vielfältig und öde und sehr, sehr kompliziert. Das muss man einfach aushalten. Wer das nicht aushält, macht sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens und nach sich selbst, was mitunter die grotesken Züge der tragischen Suche nach dem heiligen Gral annimmt. Nur um am Ende der Suche festzustellen, dass es leider keine Abkürzung im Leben gibt. Wenn es so einfach wäre, mit Hilfe einiger Fragen und ein paar Ratschlägen dem Leben auf die Schliche zu kommen, dann gäbe es genau eine Religion mit genau einer Wahrheit.

Das Leben heißt Leben weil es gelebt werden will

Ganz im Ernst: Du musst Dich nicht selber suchen und finden, weil Du Dich gar nicht verloren hast. Das geht schon rein physikalisch überhaupt nicht. Vielleicht hast Du das Gefühl ein falsches Leben zu leben. Als ob es da draußen auch irgendwie ein richtiges Leben geben würde. Tut mir leid Dich enttäuschen zu müssen, aber das gibt es nicht. Dein Leben ist Dein Leben ist Dein Leben und hat wahrscheinlich die gleichen Höhen und Tiefen wie unser aller Leben.

Wenn es Dir wirklich schlecht geht und Du an Deinem Leben verzweifelst, oder wenn Du ein Alkohol oder Drogenproblem hast, dann solltest Du Dir schnellstens professionelle Hilfe suchen und auf gar keinen Fall Dein Heil in Lebenshilfe Büchern oder Blogs suchen. Mach den Computer aus und unternimm endlich etwas.

Falls Du aber „nur“ durch ein paar Selbstzweifel geplagt bist, dann geht es Dir wie allen anderen Menschen, selbst den ganz großen Künstlern. Ein Lebenstraum ist in erster Linie ein Traum und kein Leben. Das Leben besteht aus ganz vielen Dingen von denen sehr viele eben Alltag und Trott sind. Das Besondere, von dem Du träumst, verliert seinen Reiz wenn Du es immer und immer wieder erlebst. Ein Auftritt vor einem großen Publikum verliert sehr schnell seine Einmaligkeit, wenn Du ihn an jedem verdammten Wochenende im Jahr absolvieren musst.

Die innere Leere, die Du vielleicht spürst, kannst nur Du selber füllen. Du musst Dein Leben nicht radikal ändern. Es gibt keine Erlösung, kein Patentrezept, keinen allein selig machenden Weg zum Glück. Wenn Du ehrlich zu Dir selber bist, dann weißt Du doch, was Dir im Leben wichtig ist. Das sind hoffentlich sehr viele Personen, Tätigkeiten, Dinge und dann Deine Profession. Und Du weißt eigentlich auch, welche kleinen Dinge im Leben Du ändern kannst, damit Du Deiner Profession ein kleines bisschen besser nachgehen kannst. So blöd das klingt, aber die Lösung liegt bei Dir. Wenn Du nicht von alleine drauf kommst, dann sprich mit Deinen Freunden oder Gleichgesinnten.

Und wie überwindest Du nun Deine Schaffenskrise? Ganz einfach: Mach einfach Dein Ding. Nicht mehr, nicht weniger. Alles ist besser als in Deiner Stube zu hocken und ständig diesen ganzen Mist zu lesen. Auch diesen hier.

4 Meinungen dazu

Michael,
02.05.2015, 15:52 Uhr

Ich glaube, du hast nicht genug oder nicht die richtigen Ratgeber gelesen, um das wirklich zu beurteilen. Es gibt Bücher, auf die trifft es zu, was du schreibst. Darüberhinaus urteilst du zu schnell und ungewohnt oberflächlich. Es gibt Bücher, die können wirklich helfen und sie tun es auch. „Mach einfach dein Ding“?
Du machst nichts anderes, als selbst Ratschläge zu erteilen. Einige gute zudem. Diesen Selbstwiderspruch deiner Argumentation hebst du auch durch den letzten Satz nicht auf.

MM,
04.06.2015, 21:55 Uhr

Wer nicht produzieren sein kann sollte wieder das Zuhören und Beobachten entdecken. Der Kreativ-Akku lädt sich so wieder auf.

FC Stoffel,
04.06.2015, 22:08 Uhr

@MM, ein wichtiger Hinweis. Wie sagt man so schön: Ohne Input kein Output.

Alexis,
06.10.2017, 14:09 Uhr

Ich finde das ehrlich gesagt einen wirklich guten Artikel. Ich renne jetzt dann schon etwa 5 Jahre allen Selbsthilfebüchern/-Blogs hinterher und hoffe jedes Mal auf „Erlösung“. Ich habe in dieser Zeit zwar auch viele gute Artikel gelesen, aber trotzdem hat sich nicht gross was geändert. Zum einen, weil ich eben halt nur gelesen habe und zum anderen, weil man „den Sinn des Lebens“ usw. halt nicht durch einen Artikel und auch durch keine 30-minütige Übung bestimmen kann, sondern nach und nach entdeckt. Und dann kann der sich ja auch wieder verändern. Ausserdem stimme ich hier noch zu, dass man einfach auch akzeptieren muss, dass das Leben nicht immer spektakulär verläuft. Wenn man den normalen Alltag nicht geniessen kann, so wird man es auch nicht geniessen können (oder nicht lange), wenn man seine Träume verwirklicht hat. Also vielen Dank, wirklich ein guter Artikel 🙂

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