Neulich in der Hippie-Kommune

Der kleinste gemeinsame Nenner

Neulich war der Digital Native zu Gast auf einem Workshop. Es ging um Gemeinschaften auf dem Land und in der Stadt, welche Unterschiede es gibt und welche Gemeinsamkeiten. Der Digital Native wusste vorher, worauf er sich da eingelassen hatte, aber er war das ewige Schulterklopfen in seinen Kreisen leid und wollte mal schauen, ob es nicht draußen in der realen Welt ein paar Anregungen für ihn gibt. Und tatsächlich war der Workshop ganz interessant. Er hatte ein paar neue Impulse bekommen und hatte das Gefühl auch ein paar Impulse gegeben zu haben. So weit so gut. Aber womit er nicht gerechnet hatte: Das Abendessen fand in der nahegelegenen Hippie-Kommune statt.

Wobei „Abendessen“ hier eher als Euphemismus zu verstehen ist, denn was der Digital Native sich auf seinen Teller lud, war zu Tode gekochter Naturreis mit einer Soße die schmeckte als wäre sie der fünfte Aufguss einer dreimal verlängerten Suppe von vor zwei Wochen. Dazu dann eine Linsen-Lasagne-Pampe und ein selbstgebackenes Brot, das mit ein wenig Butter dann wider Erwarten ganz lecker war. Schade, dass nix mehr vom dem Kartoffelpüree übrig war, aber die Hippies kannten offenbar schon die Kochkünste ihrer Kommune und hatten sich als erstes natürlich auf das kleinste Übel gestürzt.

Nach der Nahrungsaufnahme blieb der Digital Native noch ein wenig sitzen und diskutierte mit einigen der Workshop Teilnehmer das Für und Wider des Lebens in einer Gemeinschaft. Dabei entdeckten sie ein Naturgesetzt: Egal wie viele Regeln man aufstellt, Werkzeugwarte anstellt oder ganz allgemein einfach nur acht gibt, die Bits für den Akkuschrauber sind in regelmäßigen Abständen unauffindbar. Das muss man einfach als Naturgesetz akzeptieren, sozusagen ein noch unerforschter Spezialfall der Entropie. Es folgte ein Moment der Stille, der sein vorzeitiges Ende durch einen schönen lauten Schlag auf einen indischen Tempelgong fand.

„Wenn ihr mir einen Moment Eure Aufmerksamkeit schenken möchtet. Ich wollte nur kurz durchsagen, dass unsere Kuschelrunde heute abend um viertel vor neun beginnt. Wir machen dann eine kurze Einführungsrunde, Interessierte sind herzlich eingeladen, aber dann machen wir ein Schild an die Tür, damit wir nicht mehr gestört werden. Also seid bitte pünktlich. Die Kuschelrunde findet heute abend um viertel vor neun statt.“

Vielleicht auch ein Naturgesetzt, dachte der Digital Native, daß es in jeder Hippie Kommune Menschen gibt, die gerne schön laut auf indische Tempelgongs schlagen. Wobei – der Sound an sich ist ja auch beindruckend. Autsch, da schlägt noch mal jemand auf den Gong.

„Ich wollte Euch alle einladen in den nächsten Tagen an der Sonnenzeremonie teilzunehmen. Jeweils zu Sonnenuntergang und Aufgang. Ich mache das drüber an der Feuerstelle. Der Sonnenuntergang ist heute abend um 21 Uhr 19 und 12 Sekunden. Bitte seid pünktlich. Ich muss mich exakt an die Zeiten halten, weil sonst ist die Kraft nicht in der Asche.“

Der Digital Native fragt sich, woher der Sonnenpriester die exakte Zeit – auf die Sekunde genau – eigentlich weiß. Die Sonne geht ja an jedem Ort in Deutschland, je nach Ost / West Lage ein paar Sekunden früher oder später unter und er hofft sehr, dass sich der Sonnepriester nicht aus Versehen um ein paar Sekunden (sic!) in der geographischen Länge vertan hat. Weil, dann wäre ja die Wirkung nicht in der Asche.

„Sag mal, ist hier noch frei? Darf ich mich dazu setzen?“ spricht ein älterer Herr den Digital Native an.
„Ja klar, ist noch Platz, kein Problem.“
„Danke. Sag mal, Du, ich fand das super interessant was ihr da auf dem Workshop gemacht habt. Ich hab das zwar nicht so genau verstanden, aber ich finde das super, das ihr da was macht.“
„Ja, ich fand’s auch ganz gut.“
„Du, ich wollte nur sagen, ich komme ja auch aus Deiner Stadt, und ich wollte anbieten, wenn ihr da was macht, dann kann ich Euch vielleicht helfen, auch wenn ich gerade noch nicht so weiß, was ihr da macht.“
„Ach aus meiner Stadt? Was hast Du denn da gemacht?“
„Weißt Du, ich war bei den Hare Krishnas. Ich hab das damals mitaufgebaut, aber irgendwie wurde mir das dann auch zu viel. Ich hab gemerkt, den Stress in der Stadt, das kann ich nicht mehr. Daher lebe ich jetzt hier. Aber ich finde das super interessant was ihr macht und könnte Euch da bestimmt gut helfen.“
„Ähm, naja, also ganz ehrlich? Ich glaube, dass ist dann doch ein bisschen zu weit weg von dem was wir machen.“
„Och ich weiß nicht. Vielleicht jetzt noch, aber ihr wisst ja nicht wo ihr in fünf Jahren seid. Ich bin dann noch hier. Und wenn ihr dann soweit seid, dann würde ich Euch helfen. Auf jeden Fall wünschen ich Euch viel Kraft für das was ihr macht.“
„Danke. Meist kommt die Kraft ja auch aus dem Machen.“
„Ja, das habe ich auch schon gemerkt.“

Und wieder ein fröhlich lauter Schlag auf den indischen Tempelgong. Nächste Durchsage:

„Hört mal alle zu. Für heute Abend haben sich noch nicht genug zum Spüldienst eingetragen. Uns fehlen noch vier Hände, sprich zwei Leute, die beim Spülen helfen. Also bitte, überlegt mal, ob nicht jetzt noch ganz spontan jemand mithelfen kann. Wir brauchen Euch. Jetzt. Sofort.“

Und da hatte der Digital Native die Erleuchtung: Die Menschen sind gar nicht so verschieden. Denn egal ob Stadt oder Land, Digital oder Öko, Eigenheim oder Kommune, Bankangestellter oder Hippie. Es gibt einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Lust auf den Abwasch hat keiner.

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2 Meinungen dazu

Moritz »mo.« Sauer,
31.07.2013, 19:10 Uhr

Schöner Beitrag. Was ich cool finde, ist dass Du am Ende so eine schöne Pointe setzt. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sich der digital native da immer wieder gewundert hat. Zum Glück hat der Typ ja Humor.

Tja, und die einen schlagen den Gong, die anderen Twittern.

Marco,
12.08.2013, 10:16 Uhr

Ich glaube ich weiß, wo das spielt …

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