Ich habe Twitter zu Ende gespielt

Keine Lust mehr auf die Slotmachine

Vor etwa zwei Monaten habe ich Twitter von meinem Wisch-Wasch-Handy entfernt und nur noch sporadisch am Computer benutzt. Und seitdem vermisse ich es – NICHT! Allerdings war es schon so ein bisschen ein kalter Entzug. Von heute auf morgen einfach aufhören und dann für ein paar Tage dem Impuls wiederstehen, doch am Computer nochmal ein bisschen zu „Twittern“. Aber ich habe durchgehalten und es geht mir sehr gut in meinem Leben ohne Twitter.

Ich habe Twitter zwar nicht nonstop benutzt, aber doch regelmäßig morgens und abends für mindestens 30 Minuten. Und es hat meinen Erregungslevel doch deutlich in die Höhe getrieben. Liegt vielleicht auch an den Leuten denen ich folge. Politiker und Netzaktivisten, die ständig die neuesten „Breaking News“ twittern. Bei mir hat dies dazu geführt, dass ich ständig in leichte Aufregung über die Übel unserer Welt versetzt wurde. Was dann mittelfristig mehr und mehr auf meine Stimmung gedrückt hat. Ganz klar ein Echo-Kammer Effekt der digitalen Filterblase in der ich mich auf Twitter bewegt habe.

Den entscheiden Impuls für meine Abstinenz haben dann aber zwei Dinge gegeben. Zum einen habe ich „Der Circle“ von Dave Eggars gelesen. Das war ein ziemlicher Augenöffner für mich. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der digitale Sternchen und Daumen mehr Bedeutung haben, als unsere direkten sozialen Interaktionen im echten Leben. Ich möchte nicht erklären müssen, warum ich die tollen Ostereier auf Twitter nicht gesehen habe und dementsprechend auch nicht „faven“ oder „retweeten“ konnte und das aber lang noch keine Zeichen für eine persönliche Abneigung ist, zumal man sich dafür ja auch dann zu wenig kennt, auch wenn man sich hin und wieder mal gegenseitig „gefavt“ hat. Ich möchte keine Gespräche führen, in denen es immer wieder zu solchen Reaktionen kommt:

„Hatte ich ja geteilt. Weisste, ne? Wie jetzt, nicht gesehen? Na, dann kannste ja gleich mal schauen, muss ich ja nicht jetzt extra nochmal erzählen. Ich schick Dir den Link. Wieso nicht online? Keine Flatrate? Boah ne, das ist mir jetzt aber echt zu anstrengend.“

Zum anderen hat mir der Artikel „How Technology Hijacks People’s Minds“ von Tristan Harris noch einmal mein Gefühl bestätigt, dass ich bei Twitter Gefahr laufe, ein Suchtverhalten zu entwickeln. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, dass ich ein paar Stunde nach einem originellen Tweet wieder und wieder nach Reaktionen darauf Ausschau gehalten habe. Was war die Freude groß, wenn der Tweet gefavt oder gar retweetet wurde. Und andererseits die Enttäuschung, wenn er einfach so in der digititalen Ebbe versandet ist. Und groß die Empörung, dass die lustigen Tweets immer mehr Reaktionen auslösen als die ganz wichtigen politischen Tweets. Tristan Harris bringt es sehr gut auf den Punkt: „When we pull our phone out of our pocket, we’re playing a slot machine to see what notifications we got.“

Das erklärt auch ganz gut, warum sich das für mich in den ersten Tagen ohne Twitter ein bisschen wie Entzug angefühlt hat. Denn tatsächlich habe ich meinem Körper die vielen kleinen Dopamin Auschüttungen entzogen, die entstehen, wenn ich eine Reaktion auf meine Social Media Aktivitäten bekomme. Da bin ich aber inzwischen drüber weg. Ich habe auch nicht mehr das Gefühl, ich könnte irgend etwas verpassen.

Ich habe gerade eben nochmal ganz kurz bei Twitter reingeschaut. Da ist eine Menge passiert, seit ich weg war. Ich habe aber dem Impuls widerstanden die Timeline für die nächsten drei Stunden durchzuscrollen. Denn bei näherem Hinschauen entpuppte sich das Ganze als kaum mehr als aufgeregtes Geschnatter um ein paar wenige Themen. Und ganz im Ernst: Die kriege ich übers Zeitung oder Blog lesen auch so mit. Und die Diskussionen führe ich dann lieber von Angesicht zu Angesicht in einem netten Cafè oder einer Kneipe. Da hat man sich ohne Social Media nämlich eine ganze Menge zu erzählen.

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