Digital imaginierte Toleranz trifft auf echte Menschen

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Ich will hier keine Namen nennen, aber es gibt eine Handvoll digitaler Vordenker die regelmäßig den Realitycheck nicht bestehen. Ich meine damit Personen, die in Sachen Netzpolitik, Urheberrecht, oder nennen wir es einfach digitaler Freiheit und Toleranz an vorderster Front stehen und sich damit (durchaus verdient) einen Namen gemacht haben. Und dann finden sie sich auf einmal inmitten einer Menschenmenge wieder, bevorzugt in Bahnen, und stellen fest, dass die Menschen um sie herum ein Eigenleben führen und sich einfach nicht so verhalten wollen, wie die Digitalen Vordenker das gerne hätten. Es steigen Straßenmusiker in die Bahn ein, Obdachlose bitten um eine Spende, Kinder sitzen nicht brav und leise auf ihren Plätzen, die Bahn hat zwei Minuten Verspätung, oder am schlimmsten: Arbeitnehmer erdreisten sich einen Arbeitskampf zu führen. Da bricht die heile Welt der digital toleranten A-Blogger zusammen und es muss ganz dringend dem Unmut Luft gemacht werden – natürlich auf Twitter.

Macht Euch doch einmal den Spaß und achtet bei Euren Digital-Heroes auf Tweets, die offensichtlich als Reaktion auf den Kontakt mit echten Menschen abgesetzt werden. Und vergleicht diese mit den Tweets, die als Reaktion auf aktuelle politische Diskurse gesendet werden. In einigen Fällen gibt es da eine ziemliche Diskrepanz. Das Recht auf Remix und die Forderung nach möglichst freien Musiklizenzen trifft auf Abneigung gegenüber Straßenbahnmusikern. Die Forderung nach möglichst liberalem Umgang mit Bildrechten trifft auf Entsetzen über laut spielende Kinder. Die Kritik an Homphobie in den Medien trifft auf Unbehagen in überfüllten Bahnen.

Offensichtlich sind diese Personen so sehr damit beschäftigt die digitale Welt zu retten, dass sie den Kontakt zu der realen Welt komplett verloren haben. Vielleicht liegt es aber auch einfach an einem übersteigertem Selbstbewusstsein, immerhin stehen sie ja an der digitalen Front auf der richtigen Seite, dann müssen sie im realen realen Leben auch einfach immer Recht haben. Wer mehr als 1K Follower auf Twitter hat, tut automatisch immer das Richtige. Der Trugschluss dabei: Es ist ein Unterschied ob ich mir auf Twitter Diskussionen mit Politikern oder Journalisten liefere, oder ob ich meinen Unmut über meine Mitmenschen in der Bahn äußere, die mir nicht mal eben auf Twitter antworten können.

Das ruft eigentlich nach ein paar Fake-Accounts, wie z.B. @ubahnmusiker oder @nervkindmutter oder @ihrobdachloser, die wir dazu benutzen, um den misanthropischen Hispeed-Twitter-Mogulen zu antworten. Die würden ganz schön dumm aus der Wäsche gucken, wenn sie einen Tweet wie diesen bekämen.

@twittermogul Vorschlag zur Güte: Meine Kinder sind so lange ruhig, wie sie es schaffen nicht auf ihr Handy zu starren.

Oder vielleicht so einen:

@twittermogul Da ich mit Creative Commons Musik nix verdiene muss ich leider in der Bahn um Spenden bitten.

Kann da mal jemand solche Bots programmieren? Ich würde denen sofort allen folgen.

1 Meinung dazu

Michael,
19.11.2014, 16:36 Uhr

Gut beobachtet. Man könnte das vielleicht digitalen Snobismus nennen.

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