Das Netz hat ein Image-Problem:
ACTA und die Raubkopierer

Und nun sage keiner er sei es nicht gewesen

Mal eine ketzerische Frage: Was war zuerst da? Die Raubkopierer oder ACTA? Würde es ACTA ohne Raubkopierer geben? Und noch einen oben drauf: in einer idealen Welt müssten wir alle nicht unsere Türen abschließen. Sind Raubkopierer gleichzusetzen mit kriminellen Räubern, die gewaltsam in unsere Wohnungen eindringen und uns die Bude leerräumen? Klingt irgendwie komisch oder? Mal einen Film aus dem Netz laden, mal bei Youtube ein Video runterziehen, ’ne DVD oder CD kopieren – das sind für die meisten heutzutage doch nur noch Kavaliersdelikte. Und es wird ja auch nicht gestohlen sondern „nur“ kopiert. Das Original bleibt ja wo es ist. Also nicht so wie einen Kugelschreiber auf einer Konferenz mitzunehmen. Das sieht die „Content-Mafia“ aber völlig anders. Und ich kann nicht umhin ihr da ein wenig recht zu geben.

Mal ein wenig ausgeholt: In den 80ern haben wir mit dem Cassettenrekorder vor dem Radio gehockt und immer die heißen Hits aus Mal Sondocks Hitparade aufgenommen (und gehofft, dass er nicht dazwischen labert). Da konnten wir dann prima unsere eigene Disco mit machen und zu tanzen. Hatte jemand eine neue Platte wurden davon dann ein paar Cassetten für die Freunde aufgenommen. Das war dann auch die Zeit, wo die ersten „Hometaping is killing music“ Aufkleber auf den Platten auftauchten. Aber: Das war nie wirklich ein riesen Problem und ich kann mich nicht erinnern, dass einer meiner Freunde wegen einer auf Cassette aufgenommenen Platte kostenpflichtig abgemahnt wurde. Und irgendwie schien sich das auf einem normalen Level einzupendeln, zwei oder drei Kopien von einer Platte – egal, normal.

Dann kam die CD und das Internet und mp3 und alles wurde anders. Man musste nicht mehr persönlich jemanden kennen, der die neueste Scheibe hatte um sie einen in Echtzeit auf Cassette zu überspielen. Man klinkte sich einfach in eine Tauschbörse ein und konnte sich alles was man wollte auf die eigene Festplatte ziehen – und zwar jederzeit und in rauen Mengen. War doch fast dasselbe, als wenn auf dem Schulhof Cassetten getauscht wurden, oder? Tja, liebe Leute, es war und ist leider nur fast dasselbe. Denn wie immer im Leben: die Menge macht’s. Wenn mir jemand hin und wieder einen Apfel aus dem Garten klaut kriege ich das vielleicht gar nicht mit oder nehme das hin. Wenn aber von meinem Birnbaum jede Woche alle reifen Birnen geklaut werden, dann fällt das nicht nur auf, sondern schreit auch nach Gegenmaßnahmen.

Wir können jetzt viel über die Zahlen diskutieren, über den vermuteten und den wahrscheinlich nicht vorhandenen tatsächlichen Schaden, über die positiven Effekte des Kopierens, über eine notwendige Reform des Urheberrechts, über Okonomie des Schenkens, über die böse Content-Mafia und über die blöden Politiker, die immer wieder auf die bösen Lobbyisten reinfallen. Aber diese berechtigten und wichtigen Diskussionen mal bei Seite. Wir alle zusammen haben ein riesen Problem: Das Internet hat ein schlechtes Image. Und daran sind wir alle schuld. Hört auf Filme aus dem Netz zu laden oder von Portalen zu streamen. Hört auf Euch illegal mp3s auf den Rechner zu saugen. Lasst es einfach sein. Ihr wollt eine schöne neue freie Internet-Welt? Dann tut etwas dafür. Betreibt Lobby-Arbeit für die Vorzüge des freien Zugangs zu Wissen und Informationen. Verbreitet Eure Werke unter Creative Commons Lizenz. Spendet an Wikipedia, Open-Source-Projekte, Euren Lieblings Blogs, was auch immer. Demonstriert gegen ACTA und demonstriert, dass ihr KEINE Raubkopierer seid. Ihr lehnt ACTA wegen der richtigen Gründe ab, nicht weil ihr weiterhin raubkopieren wollt. Macht das deutlich. Macht das so deutlich, dass es jeder versteht. Denn bis jetzt hat das noch keiner verstanden.

Wer das nicht glaubt: siehe den Artikel von netzpolitik.org zu dem Pamphlet von Michel Friedmann: „ACTA-Gegner, befürwortet ihr Diebstahl?“ Solange ihr Friedman nicht überzeugt habt und nur pampige Kommentare bei Euresgleichen postet, hat das Netz nach wie vor ein riesen Imageproblem.

Und einfach weil es so exemplarisch für diese Debatte ist, eine kleine Frage: Was ist an diesem Foto falsch?


Antwort: Da ist jemand gegen ACTA, weil er / sie auf Youtube gerne weiter kostenlos Videos mit GEMA Material sehen will.

Und dann hinterher Friedman bashen.

2 Meinungen dazu

Michael,
17.02.2012, 15:57 Uhr

Das finde ich mal einen prima Standpunkt, Stoffel. Es ist nämlich der gleiche, wie meiner (nicht das das jetzt ein wirklich schlagkräftiges Argument wäre).

Was mich an der ganzen Diskussion nämlich manchmal ein bißchen stört, dass es eine nicht gerade kleine Gruppe von Usern gibt, die den Unterschied zwischen den Themenfeldern (nenn ich es jetzt mal) Creative Commons, Urheberrecht und Diebstahl etwas verwischt. Ich persönlich hab‘ schon vor einiger Zeit mit der Saugerei aufgehört, weil ich mir irgendwann klar gemacht habe, dass die Grenze zwischen Diebstahl und Kavaliersdelikt nur in der psychologischen Distanz zwischen Tat und Ware liegt, nicht in der Sache selbst. Stoffel hat völlig Recht wenn er sagt, dass es eben nur fast das gleiche ist, wie Kassetten kopieren.

Manchmal hab ich die Fantasie, jemandem, der mir sagt. „Hier, hab‘ ich frisch im Netz geladen … “ zu antworten: „Brauch ich nicht, ich hab die Original-DVD. Hab‘ ich gestern im Laden mitgehen lassen … „.

Bei ACTA haben wir dann das Problem, wie Stoffel so schön ausführt, dass man das richtige verteidigt, damit man das falsche tun darf.

(Deutsch) Urheberrechtsdebatte auf Spreeblick.com und die Musiker: Eine Betrachtung | Marco Trovatello,
27.02.2012, 22:41 Uhr

[…] – getan hat. Liest man aber genau zu dieser Thematik den Blogpost von Stoffel “Das Netz hat ein Image-Problem: ACTA und die Raubkopierer“ wirft das auch hier die Frage auf, ob Atatak nicht zulange auf ein veraltetes Vertriebs-, […]

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